AUSZUG AUS
"DAS BEKANNTE UNBEKANNTE"

VOM EWIGEN WIND


Es ist ein üblicher Tag. Jedenfalls fühlt es sich so an. Sicher gibt es auch andere Tage, aber der heutige ist ein ganz üblicher. Die Gegend ist wie sie ist.

Sie ist nicht schön, aber sie ist eben da. Sie ist weit, irgendwie leer und doch gefüllt. Aber wovon ist die Frage?

Da sind Felder. Weite, unendlich weite Felder. Es ist, als würde die Welt nur aus Feldern bestehen. Denn am Horizont, da ist nichts weiter. Nur der Himmel. 
Heute ist er grau, wie üblich, denn der Wind weht, und er weht die Wolken an die Stellen, wo es sonst blau ist. Himmelblau, wie man sagt. Doch heute ist nichts himmelblau. Es ist grau von den Wolken, die der Wind mitbringt, wie üblich. Dieser Wind, dieser ewige Wind, der rauscht und durch die Bäume streift, sodass sie sich biegen gegen ihren Willen. Sie werden geknechtet und gehänselt von diesem Wind. Dieser übliche Wind. Er fegt über die Felder und dröhnt. 
Er bringt diese öden Stellen zum Tanzen, doch diese öden Stellen wollen nicht tanzen. Sie wollen einfach öde sein, so wie sie eben sind: kahl und flach und weit. 

Zwischen diesen kahlen, weiten Stellen gibt es ein paar Inseln von Bäumen und Sträuchern. Darin kann man sich verstecken, vor diesem ewigen, üblichen Wind. Und wenn es der nicht ist, ist es die brütende, quälende Sonne, die so sehr brennt, weil alles kahl und weit ist, und sie so viel Platz zum Brüten und Quälen hat. Doch es gibt diese Inseln und in diesen Inseln gibt es ab und zu Teiche oder einen Graben. Ob darin Wasser ist? Da kann man nie gewiss sein. Das holt sich meist die brütende, gierige Sonne. Jedenfalls, wenn die Saison es verlangt. Und wenn es die Saison verlangt und du Pech hast, dann gehst du durch das hohe Gras und dann lauern da Zecken. Und wenn du eben dieses Pech hast, dann erwischt dich eine und beißt sich fest, ganz fest. Dann saugt sie, aber das macht sie alles so zart, dass du es nicht mitbekommst. Erst wenn du später daheim an deinen Beinen hinunterschaust und du nichts Böses ahnst, dann erschreckst du dich beim Anblick. Da sitzt es dann, ganz schwarz, und sticht aus deiner Haut heraus, rund und mit kleinen, dünnen Beinen. Dann willst du, dass es jemand wegmacht, aber dann ist niemand da, der es wegmacht, und du musst es allein machen. Du nimmst die kalte, goldglänzende Pinzette mit den abgenutzten Flächen. Da wo sie zugreift, ist sie schon ganz schwarz. Und du schiebst sie vorsichtig unter den kleinen dicken Bauch dieses leblos wirkenden Getiers, das an dir saugt und sich an dir labt, und dann greifst du mit zittriger Hand zu, ziehst es heraus und hoffst, dass du alles erwischt hast und nicht der Kopf noch drinnen steckt. 
Denn das ist das Wichtigste: dass der Kopf nicht drinnen stecken bleibt. 
Aber dann hättest du eben selbst schuld, weil man ja weiß, dass man nicht durch das hohe Gras gehen soll. Manchmal muss man es jedoch einfach. Denn da gibt es diese Stellen und da ist irgendetwas. Man kann es nicht erkennen und dann muss man näher heran, aber dann ist da hohes Gras und du gehst durch und es erwischt dich eine Zecke. Jedenfalls, wenn es die Saison verlangt und du Pech hast. 

 

Wenn du dann angekommen bist, an dieser Stelle, wo etwas ist, das man von weitem nicht erkennen kann, dann steht man davor oder einfach direkt an diesem Ort und der Wind weht durch die Bäume und es ist niemand hier. Außer eben der Wind, und die Bäume und die Sträucher und die leeren oder gefüllten Gräben und das hohe Gras und das Getier, das du nicht siehst mit bloßem Auge. Aber plötzlich hörst du Hundegebell und Stimmen, die etwas sagen oder rufen, was du nicht verstehen kannst. Du glaubst, gleich kommt jemand und dann bekommst du Ärger, weil du denkst, du darfst hier nicht einfach so sein und querfeldein zu dieser Stelle gehen, wo etwas ist, das man von weitem nicht erkennen kann. 
Aber da kommt niemand. Weil da niemand in der Nähe ist. Es sind nur die Laute der Hunde und Menschen, die der Wind von weither durch die Luft trägt. Der übliche, ungehörige Wind. 

Nun steht man also an diesem Ort. Da hängt ein altes, verlassenes Vogelnest im Strauch. Unbrauchbar, nutzlos, ganz verworren und fragil hängt es dort zwischen den Ästen und harrt aus. Völlig grundlos und hübsch. Als würde es absurderweise einfach dort hingehören. Deshalb nimmt man es auch nicht mit, weil es sinnlos ist und wunderschön, so wie es da hängt.

Wenn man nicht aufpasst, wohin man sich dreht, bleibt man an Hagebuttensträuchern hängen. Die haben nämlich Dornen. Daran kann man mit allem hängen bleiben. Mit der Kleidung oder den Haaren und man kann sich die Haut aufschürfen. Dann brennt es kurz, aber das geht schnell vorbei. Wenn man sich nun gedreht hat, dann ist da ein Stamm. Ein simpler, chaotischer Stamm, voll mit Kleinigkeiten bestückt. Reglos steht er da oder liegt oder krümmt sich zu Boden. 
Das kommt eben darauf an, wohin man sich gedreht hat. Aber immer ist er bestückt mit vielen Kleinigkeiten. Da gibt es tiefe Risse. Denn seine Haut, die ist so trocken, so unendlich trocken, dass sie sich spreizt und platzt und auseinanderfetzt. So minutiös, dass unendlich viele Risse auf der Haut Platz finden, sodass sie aus vielen Kleinigkeiten besteht, wobei man einfach kein Ende findet und schon gar keinen Anfang. 
So wie die Haut an den Armen und Beinen, wenn sie trocken ist und so sehr juckt und du sie eincremst, aber es nützt einfach nichts und es juckt und juckt und juckt und du willst nicht kratzen, aber du musst ja, weil das den Juckreiz lindert, jedenfalls kurz. Aber dann brennt es, weil du so gekratzt hast, und dann sind da Stellen, die sind ganz anders pigmentiert, weil die Haut vor lauter Kratzen gar nicht mehr hinterherkommt. Du cremst die Haut wieder ein und dann ist es erst mal wieder gut. Bis es wieder von neuem beginnt. 
Da gibt es einfach keinen Anfang und schon gar kein Ende. Die Haut ist übersät mit Rissen, ganz kleinteilig und unstet. Das haben sie gemeinsam, die Haut an den Armen und Beinen, die so sehr juckt, und die Haut des Stammes, der da so steht und den seine trockene Haut kein bisschen etwas angeht. Die kann ruhig trocken sein und er bleibt regungslos da stehen, wo er eben steht.
Schafft man es nun weiter durch die Hagebuttensträucher, hohen Gräser und verschiedenartig geformten Bäumen, merkt man, dass sich alles immer mehr verwirrt. 
Gräser werden zu Sträuchern, die Sträucher zu einer Wand aus unzähligen Ästen. Es gibt kein Durchkommen. Man sucht nach einem lichten Fleck. Doch da ist kein lichter Fleck, alles ist bewachsen. Nicht sehr hoch, aber eben eine in sich verworrene Einheit, die tagein, tagaus loyal die Stellung hält. Und doch ist jeder Strauch nur zufällig eben dort gewachsen und versucht, so weit es irgendwie geht, seinen Platz einzunehmen und für sich zu beanspruchen. 
Ein sanfter Kampf um eigenes Terrain. Und plötzlich, zwischen diesem ganzen Wirrwarr, sticht da etwas Metallenes hervor. 
Wenn man näher herangeht, erkennt man ein blankes, kaltes, rechteckiges Drahtgestell. Die beiden Klappen auf jeder Seite sind herausgeschoben. In der Mitte liegt ein nacktes Stück Fleisch. Unberührt. Rosa und blutig liegt es auf dem metallenen Boden. Kurz erschreckt man und eine leichte Starre zieht sich über den gesamten Körper. Mit ebenso starrem Blick, schaut man eine Weile darauf, weil man nicht anders kann. Dann schaut man sich um und wie immer ist niemand dort. 

Man blickt zum unverändert grauen Himmel, die Wolken ziehen sanft und stetig. Die Sonne ist ein blassgelber Kreis, vor dem die Wolken wie ein Schleier liegen. Das Rauschen der Bäume wird schwächer, bis es gänzlich aufhört.

Jetzt ist es ganz still.

Der Wind hält kurz inne...

Dann nimmt er Anlauf...

Und nun hört man es wieder. Das Bellen der Hunde in der Ferne.
 

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